Ein toller Export!

von Matthias Vogel

Seit Beginn der noch nicht abgeschlossenen Regionalliga-Saison ist sie weg: Charleen „Lotti“ Niesler. Für den 1. FC Union Berlin ein herber Verlust, für ihren neuen Club, den Zweitligisten VfL Wolfsburg II ein echter Gewinn. Und genau damit hätte Niesler selbst nicht gerechnet – jedenfalls nicht so schnell.

Aggressiv in den Zweikämpfen auf der „Sechs“, präzise Flugbälle aus der Innenverteidigung auf den Flügel mit hoher Packing-Rate – Nieslers Qualitäten konnten keinem Zuschauer von Union-Spielen verborgen geblieben sein. Trainer Falko Grothe schätzte besonders die Flexibilität des Köpenicker Eigengewächses, weil sie eben nicht nur im Zentrum und nicht nur in der letzten Reihe einsetzbar war.

Lotti Niesler hat beim VfL Wolfsburg II in der 2. Bundesliga Fuß gefasst. Foto: Schmelter

Relativ spät hatte Niesler, die bei einem U13-Lehrgang des Berliner Fußball-Verbandes nicht die einzige Charleen war und deshalb den Spitznamen Lotti verpasst bekam, mit dem Kicken begonnen. Zum zehnten Geburtstag schenkte ihre Schwester ihr ein Probetraining bei den eisernen Juniorinnen. „Davor habe ich nur auf dem Bolzplatz gekickt“, sagt Niesler. Verantwortlich für ihre Begeisterung für den Sport sei auf jeden Fall ihr Bruder gewesen, damals ein absoluter Union-Fan.

Sie schlug jedenfalls ein wie eine Bombe beim Vorspielen, durchlief dann die gesamte Ausbildung bei Union, spielte ab der U13 in der BFV-Auswahl, nahm an zwei U-Sichtungslehrgängen des DFB teil und trainierte zusätzlich in der U15 und der U17 an den DFB-Stützpunkten. Alles lief rund, auch nach dem Wechsel in den Frauenbereich. Immer hatte sie sich wohl gefühlt in ihrem Verein. Wenn da nicht der innige Wunsch gewesen wäre, einmal höherklassig Fußball zu spielen …

… im Sommer-Urlaub vergangenen Jahres, die Eisernen Ladies waren gerade in der Relegation zur Zweiten Bundesliga an der SG 99 Andernach gescheitert, machte sich Lotti Niesler dann Gedanken über ihre Laufbahn. Noch einmal ein Jahr Regionalliga, das wollte sie nicht, so viel stand fest. Aber was tun? Wohin?

Ein Glücksfall öffnete eine neue Tür. „Ich habe unseren alten Trainer Steffen Beck angerufen und gefragt, ob er mir nicht einen Zweitliga-Club empfehlen könnte, bei dem ich mit meinem Vermögen Fuß fassen könnte“, berichtet Niesler. „Dass er mir dann angeboten hat, zu ihm nach Wolfsburg zu kommen, kam völlig überraschend.“ Lange überlegte Niesler jedenfalls nicht. „Der Verein hat einen großen Namen im Frauenfußball und Wolfsburg ist nicht so weit weg, da kann man schnell mal nach Berlin zu seiner Familie düsen“, lauteten neben der sportlichen Herausforderung die dicken Pluspunkte auf ihrer Pro-und-Contra-Liste.

Den FC Bayern abgefertigt: „Da habe ich gewusst: Ich bin angekommen.“

In der VW-Stadt angekommen, wollte sie sich erst einmal akklimatisieren und weiterentwickeln, mit viel Spielzeit rechnete sie nicht. Doch es kam anders. In den ersten Begegnungen wurde Niesler „nur“ eingewechselt, doch schon am vierten Spieltag folgte das Startelf-Debüt: 3:1 gegen den 1. FC Saarbrücken. Der große Wurf gelang ihr aber erst zwei Spieltage später. Die zweite Garnitur des FC Bayern München war zu Gast und wurde mit 4:0 abgefertigt. „Ich hatte das Gefühl, eine sehr gute Partie in der Innenverteidigung abgeliefert zu haben und einige aus der Mannschaft kamen auch prompt auf mich zu und haben mich gelobt. Da habe ich gewusst, ich bin in der Mannschaft und in der Liga angekommen.“

Derzeit ist Lotti Niesler nicht wirklich glücklich – so wie alle Fußballerinnen in Zeiten der Corona-Krise. Eine halbe Ewigkeit ohne Training mit der Mannschaft und ohne Match, das musste sie zuvor erst einmal aushalten in ihrer Laufbahn. „Da war ich aber auch verletzt“, sagt sie. Zuerst war sie Zuhause bei ihren Eltern in Köpenick und arbeitete dort den umfangreichen Trainingsplan des VFL ab: Kraft, Stabilisation, Mobilität.

Die 1. Bundesliga ist zwar ein Traum von Lotti Niesler, wenn es aber nicht klappt, geht für das Unioner Eigengewächs die Welt auch nicht unter. Foto: Schmelter

Mittlerweile ist wieder in Wolfsburg, weil sie wieder ihre Arbeit aufgenommen hat. „Wenn man das gerade so nennen kann“, sagt sie und lacht. Lotti Niesler hat als gelernte Fitness-Kauffrau mit Trainer-B-Lizenz einen Job in dem kleinen Studio ergattert, das der VfL auf seinem Gelände betreibt. „Sport für Ältere und Kinder ab drei Jahre“, sagt sie und seufzt. Ihr mache die Arbeit unheimlich Spaß, aber das seien eben beides Gruppen, die wegen Corona ein wenig zurückstehen müssten gerade.

Corona hin, anfängliche Zweifel her, den Wechsel zu Wolfsburg bezeichnet Lotti Niesler heute als „das Beste, was mir passieren konnte“. Sie wollte mehr, sie bekam mehr. „Das ist ein gewaltiger Unterschied zu Union. Wir haben hier sieben Mal pro Woche Training, bei Union waren wir drei Mal auf dem Platz plus einmal Yoga. Es gibt einen Trainer nur für Kraft und eine Physio-Abteilung, die fast rund um die Uhr für uns da ist“, schwärmt sie, „ich kann da um 7 Uhr morgens vorbeikommen. Richtig professionell. Ich behaupte, nicht alle Erstliga-Clubs arbeiten unter diesen Bedingungen.“ Fast logisch, dass der VfL seine U 20 bezüglich der Erwartungen ebenfalls nicht stiefmütterlich behandeln mag: „Sie sind hoch“, bestätigt Niesler und hört sich dabei ebenfalls schon recht professionell an.

Aber jetzt kommt’s: Mit ihren gerade einmal 22 Jahren ist Berlins blonder Top-Export nach der Co-Trainerin die Zweitälteste in den eigenen Reihen. „Die meisten sind unter 20. Das ist krass. So viele überragende Talente, mit denen ich hier zusammenspiele. Und 60 bis 70 Prozent von ihnen spielen in U-Nationalmannschaften. Das macht einfach enorm Spaß!“

Zweikampf mit Pernille Harder? Noch nicht …

Ob Kontakt zur Ersten, dominanter Tabellenführer der 1. Bundesliga und Aushängeschild des deutschen Frauenfußballs, bestehe, ob sie Topstars wie „Poppi“, Ewa Pajor oder Pernille Harder im Trainingsspiel schon einmal abgrätschen durfte, musste Niesler verneinen. „Man sieht und grüßt sich auf dem Gelände. Aber da ist schon Distanz“, sagt sie.

Bleibt noch, über ihre nun neu zu definierenden Ziele zu sprechen. „Natürlich ist es ein Traum, einmal in der 1. Bundesliga zu spielen, ob für Wolfsburg oder einen anderen Verein. Aber im Moment bin ich einfach nur total glücklich. Und wenn es nicht passiert, ist das auch kein Weltuntergang.“

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