„Einfach ein Scheißgefühl!“

von Matthias Vogel

Der Sekundenzeiger schickt sich gerade an, die 69. Runde zu vollenden, als Eva Langenfeld alle Unioner Träume von der 2. Bundesliga zu Grabe trägt. Ihr wuchtiger Elfmeter bedeutet das 2:0 für Andernach, bei diesem Ergebnis bleibt es auch. Maßlos enttäuschte Eiserne Ladies setzen sich in den Bus und fahren mit leeren Händen heim – der Aufstieg wäre so schön für sie gewesen, und so wichtig für den Berliner Frauenfußball.

Falko Grothe beschrieb einen Tag nach der Rückspiel-Niederlage gegen die Bäckermädchen die ersten Gedanken nach dem Abpfiff so: „Ich dachte mir: Da spielst du so eine starke Saison, bist ewig ungeschlagen, holst das Double. Und dann spielst du einmal Unentschieden und einmal verlierst du – und alles ist futsch. Das ist einfach ein Scheißgefühl!“ Wer Fußballerin oder Fußballer ist, der verzeiht ihm den Ausdruck nicht nur, der unterstreicht ihn. Die gefühlt beste Saison gespielt zu haben und dennoch zu scheitern, das muss man erst einmal verdauen. Die Profis von Borussia Dortmund wissen ein Lied davon zu singen, dessen Text sicher auch nicht jugendfrei wäre.

Maren Weingarz war erneut gut bewacht von Unions Defensiv-Fraktion, an diesem Tag ein Muster ohne Wert. Foto: Norbert J. Becker

Mit ein wenig Abstand weiß der Unioner Coach natürlich, dass eine verpatzte Relegation den Wert des Meistertitels und des Pokalsiegs nicht schmälern kann. Aber sie ist trotzdem der Stachel im Unioner Fleisch, zumal nach dem 1:1 im Hinspiel die Pleite in Rheinland-Pfalz nicht sein hätte müssen. Gerade in der ersten Halbzeit sah Grothe seine Elf super aus der eigenen Hälfte heraus kombinieren. Vier richtig dicke Torchancen sprangen heraus. Zweimal hätte Marta Stodulska zuschlagen können. Einmal strich ihr Flachschuss aus zehn Metern Entfernung nach perfektem Steckpass von Josi Bonsu knapp am Kasten vorbei (8.), das andere Mal bekam sie mit dem Kopf nicht genug Druck hinter die Flanke von Josi Ahlswede, der Ball zischte neben den Andernacher Kasten (20.). Ein toller Distanzschuss von Lisa Heiseler hätte laut Grothe ebenfalls die Führung bedeuten können. Über eine Chance hat sich der Vorturner der Köpenickerinnen dann wohl so geärgert, dass er sich nicht mehr erinnerte, wer sie versemmelte. „Kommt am Torraum-Eck frei zum Schuss, legt aber lieber ab in den Rückraum. Nur war da niemand“, so Grothe.

Andernachs Spielertrainerin Isabelle Stümper (an der Pille) ging mit gutem Beispiel voran. Es galt bei Hitze und Finalcharakter, den inneren Schweinehund zu überwinden. Foto: Norbert J. Becker

Alte Fußball-Weisheit, aber Grothe waren die fünf Euro für das Phrasen-Schwein mal so richtig einerlei: „So isses eben. Es rächt sich, wenn du deine Dinger nicht machst.“ Etwa zwei Drittel des Tagespensums hatte nun der Zeiger der Stoppuhr bereits abgespult, als es soweit war. Magdalena Schumacher schlug einen gefühlten 50-Meter-Flugball aus der eigenen Bäckerstube die linke Linie entlang, „Flying“ Toni Hornberg entwischte Unions letzter Frau Charleen Niesler und legte den Ball an der herauseilenden Köpenicker Torfrau Monique Eichorn vorbei ins Nest. „Mit diesen langen Bällen hat Andernach operiert. Hornberg und noch zwei, drei andere ihrer Kolleginnen haben dann durchaus das Format, daraus etwas zu machen. Andernach war sehr effektiv“, analysierte Grothe.

Elfmeter verursacht und nicht immer so sicher wie hier – Unions Torhüterin Monique Eichhorn.

Die Bäckermädchen haben sich allerdings auch mit zunehmender Spieldauer besser in die brisante Partie „eingefuchst“. Tropische Temperaturen und sicher auch die fast 700 Zuschauer machten das Andernacher Rund nicht nur wegen der Bedeutung der Begegnung zu einem schwer bestellbaren Feld. „Nach der Pause haben wir als Team den inneren Schweinehund überwunden“, sagte eine glückliche, aber völlig ausgepumpte SG-Spielertrainerin Isabelle Stümper nach der Partie. Für das Publikum hatte sich dieses Fazit in der Verlagerung des Spielgeschehens während der zweiten Schicht geäußert. Die SG bekam früher Zugriff auf das Unioner Spiel. Weniger Kombinationsspielraum für die Eisernen Ladies und noch eine ganz dicke Chance für Andernach waren die Folge: Eichhorn schubste Hornberg um, für den 99er-Anhang war der verhängte Strafstoß eine klare Sache, Falko Grothe sah es eher ambivalent. Wie bekannt, war das Eva Langenfeld reichlich egal.

Greta Budde (am Ball) und Nathalie Götz haben alles ganz lange im Griff, doch dann kommt Antonia Hornberg (li.). Foto: Norbert J. Becker

Nathalie Götz hätte in der 78. Minute mit einem strammen Fernschuss noch den Anschlusstreffer erzielen und damit die Partie so richtig spannend machen können. Bäcker-Schlussmädchen Jana Theisen hatte per Glanzparade etwas dagegen und so wurde es amtlich: Die SG 99 Andernach steigt nach nur einem Jahr Entzug wieder in das Suchtgeschäft 2. Bundesliga ein, Union muss in die regionale Strafrunde, die Hauptstadt wartet weiter sehnsüchtig auf einen Zweitligisten.


SG 99 Andernach – 1. FC Union Berlin 2:0 (0:0), Hinspiel 1:1. Bäckermädchen: Theisen, Stümper, Weingarz (80. Deckenbrock), Weinel, Langenfeld, Engels, Schumacher, Umbach (85. Mais), Krumscheid, Asteroth, Hornberg. Eiserne Ladies: Eichhorn, Schrey, Niesler, Götz, Radloff (72. Zander Zeidam), Ahlswede, Weidt (78. Gierth), Budde, Heiseler, Bonsu, Stodulska (65. Pearl). Tore: 1:0 Hornberg (56.), 2:0 Langenfeld. Schiedsrichterin: Fabienne Michel. Fette Kulisse: 700. Titelbild: Norbert J. Becker.

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