Last-Minute-Blues

von Matthias Vogel

Köpenick. Stark begonnen, die Führung erzielt, dann der SG 99 Andernach mehr und mehr das Spiel überlassen und fast als logische Konsequenz den Ausgleich kassiert – so lässt sich das Aufstiegs-Hinspiel der Eisernen Ladies ganz gut zusammenfassen. Falko Grothe war mit dem Spiel seiner Elf nicht ganz zufrieden, mit dem Ergebnis konnte er leben: „Es ist ein Unentschieden, keine Niederlage. Es ist noch nichts verloren.“

450 Zuschauer pilgerten in das Fritz-Lesch-Stadion, um dem ersten Teil der Relegation beizuwohnen. Eine ganz passable Kulisse, aber zur Disposition steht ja schließlich auch ein Startplatz in der zweiten Bundesliga, und der Hauptstadt täte es gut, würde einer ihrer Vereine diesen Platz besetzen. Auch die komplette Vorstandsriege des 1. FC Union Berlin gab sich die Ehre, sie wurde Zeuge einer recht ordentlichen Anfangsphase ihrer Mannschaft. Sich dem frühen Anlaufen und generell aggressiven Pressing der Rheinland-Pfälzerinnen mit schnellem Vertikalspiel durch das Zentrum entziehen, dann versuchen, eine der Außen mit Bällen in die Tiefe in Szene zu setzten, das war Grothes Matchplan, wie er kurz vor dem Anpfiff verriet. In der elften Spielminute trug die Idee Früchte. Einen langen Ball der aufgerückten Innenverteidigern Charleen Niesler verlängerte ein Andernacher Kopf perfekt auf Unions Rechtsaußen Josephine Ahlswede, halbrechts an der Strafraumkante waren deren Koordinaten. Der Rest war feinste Fußballkunst: Mit dem ersten Ballkontakt ließ Ahlswede ihre Bewacherin ein Luftloch schlagen, danach machte sie mit der Kugel am Fuß einen Schritt nach vorne, um sie dann gekonnt halbhoch in der aus ihrer Sicht linken Ecken zu versenken.

Richtig zu tun hatte auch Lätizia Radloff (li.), hier im Duell mit „Flying Toni“, wie der Spitzname von Antonia Hornberg lautet. Foto: Matthias Vogel

Bereits zuvor hätte Ahlswede treffen können. Marta Stodulska hatte den Angriff eingeleitet, war von rechts nach innen gezogen und hatte das Spielgerät in Kniehöhe in Richtung Josephine Bonsu befördert. Die leitete geschickt und direkt weiter auf Ahlswede, und die scheiterte an der 99er-Torhüterin Jana Theisen.

„Wir haben uns dann quasi immer Schritt für Schritt zurückgezogen, haben folglich immer weniger Druck auf den Ball bekommen“, kommentierte Falko Grothe die Szenerie nach dem starken Beginn seiner Schützlinge. Andernach gewann tatsächlich von Minute zu Minute mehr optisches Übergewicht. Oft wurden die Gäste allerdings nicht gefährlich – ein fulminanter Lattenknaller von Sara Krumscheid (18.) und ein gefährlicher Kopfball von Maren Weingarz (43.), mehr mussten die Köpenickerinnen nicht aushalten.

Marta Schrey (re.) hatte Schwerstarbeit zu verrichten. Hier setzt sie sich gegen SG-Spielertrainerin Isabelle Stümper zur Wehr. Foto: Matthias Vogel

82. Minute: Gästetrainer Kappy Stümper nimmt Stürmerin Antonia Hornberg vom Platz, die ihre Auswechselung mit einem kräftigen Tritt gegen eine Trinkflasche quittiert. Acht Minuten später: Ihre Stellvertreterin Laura Weinel läuft perfekt in den Strafraum ein, steigt am höchsten und verwandelt die gefühlt 15. Krumscheid-Flanke aus dem rechten Halbfeld per Kopf zum Ausgleich. In Sekunden bildet sich eine Andernacher Spielerinnen-Traube und Hornberg fliegt Coach Stümper um den Hals. Gleich danach pfeift die gute Schiedsrichterin Anna-Lena Heidenreich ab, lange Gesichter im Lager der Eisernen – dieses Tor kann wegen der Auswärtstor-Regel noch richtig wehtun.

Schwerstarbeit für die letzte Reihe

Die trüben Mienen hatten sich die Eisernen ein wenig selbst zuzuschreiben. Klar hat die SG mit ihren vielen Zweitliga erfahrenen Spielerinnen Druck erzeugt. Aber eigentlich war bis dato stets Schluss an der Strafraumgrenze gewesen. Lediglich Weingarz erhielt während der zweiten Schicht einen Schnittstellenball. Robert Lewandowski hätte ihn über Unions Torhüterin Monique Eichhorn gechippt. Weingarz entschied sich für die flache Variante und scheiterte an Eichhorn, die schnell abgetaucht war. Doch gab es während der letzten halben Stunde der Partie kaum noch Entlastung für die letzte Unioner Reihe, die beiden Außenverteidigerinnen Marta Schrey und Lätizia Radloff sowie die beiden Türme im Zentrum der Schlacht, Nathalie Götz und Charleen Niesler hatten Schwerstarbeit zu verrichten. Das provoziert Fehler, wobei der Gegentreffer kaum zu verteidigen war. Union wirkte insgesamt im Spiel nach vorne gehemmt, zu zaghaft – und irgendwie auch ein wenig müde.

Unions Torhüterin Monique Eichhorn dreht enttäuscht ab, Team Andernach herzt Torschützin Laura Weinel (2. Schopf v. re.). Foto: Matthias Vogel

Kappy Stümper hielt den Last-Minute-Ausgleich daher zu Recht für „hoch verdient“ und sagte: „Wenn wir diese Leistung im Rückspiel abrufen, dann packen wir das.“ Grothe gab „die erste halben Stunde“ seiner Mannschaft Mut. „Diese Leistung über 90 Minuten und dann ist für uns noch alles drin.“


1.FC Union Berlin – SG 99 Andernach 1:1 (1:0). Eiserne Ladies: Eichhorn – Schrey, Niesler, Götz, Radloff – Bonsu (43. Zander Zeidam, 89. Boedeker), Budde, Weidt, Heiseler, Ahlswede (77. Pearl) – Stodulska. Bäckermädchen: Theisen, Meinerz, Stümper, Weingarz, Langenfeld, Engels, Schumacher, Umbach, Krumscheid, Asteroth, Hornberg (82. Weinel). Tore: 1:0 Ahlswede, 1:1 Weinel (90.). Schiedsrichterin: Anna-Lena Heidenreich. Zuschauer: 450.

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