Das Knirschen wird leiser

Die Fußballerinnen des SV Blau-Weiß Hohen Neuendorf wähnen sich für den Auftakt des Regio-Restprogramms gegen den Rostocker FC gut vorbereitet

von Matthias Vogel

In der Winterpause haben die Spielerinnen und Trainer Roman Rießler hart daran gearbeitet, aus zwei Welten eine zu machen und möglichst schnell die für den Klassenerhalt noch dringend benötigten Punkte einzufahren.

Es war ein holpriger Annäherungsprozess in Hohen Neuendorf, der mit dem Start der aktuellen Regionalliga-Saison startete. Hier ein ordentlicher Schwung junger talentierter Fußballerinnen, keinen sonderlichen Druck auf dem Fußballplatz gewöhnt und schon gar nicht einen ehrgeizigen, erfolgsverwöhnten und auf dem Weg zu seinen Zielen sehr bestimmten Trainer. Und dort der neue Coach: Roman Rießler, 41 Jahre alt, genau so ein Vertreter seiner Zunft.

Jann Naja Bettin (Nummer 23) kennt strenge und anspruchsvolle Trainer aus ihrer Zeit als Turbine und kommt mit Roman Rießler als Coach gut klar. Foto: SV Blau-Weiß Hohen Neuendorf

Konflikte und Gespräche zur Lösung selbiger gab es vor dem Winter genug. Einigen Mädels waren Rießlers Ansprüche und Anforderungen zu hoch, der neue Coach vermisste beizeiten die richtige Einstellung seiner Schützlinge – vermutlich eine Art Semi-Professionalität, wie er sie während seiner fast siebenjährigen Zeit beim FC Viktoria 1889 Berlin etabliert hatte und gewohnt war.

Aber jetzt, quasi pünktlich zum Start des Restprogramms der aktuellen Spielzeit am morgigen Sonntag gegen den FC Rostock (Anpfiff um 12 Uhr auf dem Rasenplatz in der Friedrich-Engels-Straße 21 a), scheint der Prozess um ein gutes Stück fortgeschritten. Schon der Test gegen sein ehemaliges Team (0:3) hatte Rießler zuversichtlicher gestimmt, als er es noch vor der Winterpause war. Der 4:1-Sieg seiner Truppe gegen den Liga-Rivalen SFC Stern 1900 gefiel ihm gut, überbewertet wollte er ihn allerdings nicht wissen, schließlich seien die Steglitzerinnen nicht in ihrer Bestbesetzung angetreten. Aber als am vergangenen Wochenende eine knappe 3:4-Niederlage gegen die männliche B-Jugend aus dem eigenen Stall heraussprang, war ihm klar: „Das war stark, es hat sich etwas getan.“

Wenn Rießler das sagt, dann hat sein Team nicht etwa vorgegebene Spielzüge vorgetragen oder einstudierte Ecken verwandelt. Dann hat es eher für die Herausforderungen auf dem Platz eigene Lösungen gefunden – gerne als Kollektiv, aber vor allem auch als Individuum. Denn das ist es, worauf es dem Coach ankommt: „Jede Spielerin soll in allen Phasen des Spiels mutig sein, selber Entscheidungen treffen. Und sie nicht einfach auf die Nebenfrau übertragen.“ Und über diesen Weg gelte es dann, die gemeinsam entwickelte Spielidee möglichst erfolgreich umzusetzen – Kombinationsfußball.

Fehler dürfen gemacht werden bei Rießler. Wichtig ist ihm vielmehr die Bereitschaft, selbige wieder auszubügeln. Auch das hat ihn beeindruckt während der Partie gegen die Jungs: „Also wie die Mädels bei Ballverlust hinter der Kugel hergejagt sind, das war schon so, wie ich mir das vorstelle.“ Und: „Lieber passt einmal das Ergebnis nicht, aber wir haben guten Fußball gespielt.“

Eine, die im Laufe des bisherigen Hohen Neuendorfer Entwicklungsprozesses einen ordentlichen Leistungssprung gemacht hat, ist Gerda Varamann (re.). Foto: SV Blau-Weiß Hohen Neuendorf

Der Coach ist also zufrieden, auch wenn der Prozess sicher noch nicht abgeschlossen sei. Seine eigene Art und Weise im zwischenmenschlichen Bereich und auf dem Platz („mitunter unbequem“) schließt er dabei ein. Ruhiger sei er geworden und wenn es Passübungen brauche, um das Team nach vorne zu bringen, dann biete er es eben an, auch wenn das ursprünglich „nicht sein Ding“ sei und er gerne hehre Inhalte trainieren würde. Übrigens: Kollateralschaden hat das „sich aneinander Gewöhnen“ durchaus gefordert. Von den ursprünglich 32 Spielerinnen sind noch 22 übrig. „Bei der einen macht der Körper nicht mit, der anderen sind die Anforderungen nach wie vor zu hoch. Wieder andere haben mit der Ausbildung zu tun oder haben private Gründe“, beschreibt Rießler die Ursachen für den Schwund. „Aber die Verbliebenen sind wissbegierig und willens, sich dem Druck als Regionalliga-Spielerin zu stellen“, so Rießler.

Die Quote ist ja auch nicht ganz schlecht und das hat auch mit dem Rückenwind zu tun, den der Trainer seitens des Vereins, genauer gesagt des Funktionsteams bekommt. Ob Oliver Zabel als Sportlicher Leiter, Cordula Busack als Trainerin der Torhüterinnen, Athletiktrainerin Christiane Ehrig, Victoria Targatz, ehemalige Spielerin, Medienbeauftragte und vieles mehr, oder Betreuer Mario Isanto – sie alle waren von Beginn an am stetigen Meinungsaustausch beteiligt und haben wesentlich zum Vertrauensverhältnis, das innerhalb der Führungsriege herrscht, beigetragen. „Alle sprechen Klartext, aber immer lösungsorientiert“, sagt Rießler, „sehr angenehm.“

Jetzt müssen Ergebnisse her!

Auch erfahrene Spielerinnen wie Anne Schäfer, Janine Neue, Sarah Kollek oder die Pantelmann-Schwestern, sowie Kickerinnen, die auf höherem Niveau bereits rauere „Trainerluft“ schnuppern mussten wie Pauline Wimmer (Bayer Leverkusen) oder Jann Naja Bettin (Turbine Potsdam), haben Rießler bei seiner Überzeugungsarbeit geholfen. Schäfer und Neue haben allerdings in der Winterpause die Fußballschuhe an den Nagel gehängt – sehr zu Rießlers Bedauern

Mittlerweile zufrieden mit Soll und Ist gibt sich Roman Rießler, seit dieser Regionalliga-Saison Trainer des Teams aus der Niederheide. Foto: SV Blau-Weiß Hohen Neuendorf

Druck ist immer relativ, genauso wie die Ergebnisorientierung eines Fußballspiels. Ist der Klassenerhalt gesichert, lässt sich freilich leichter sprechen als jetzt. Denn Hohen Neuendorf muss noch ordentlich Punkte hamstern und deshalb verlangt Rießler zum Auftakt: „Die Fortschritte sind da, körperliche Defizite aufgeholt. Das ist schön und gut, aber jetzt müssen auch die Ergebnisse her.“ Nach Rostock hat Blau-Weiß zum Auftakt noch Jena und Leipzig-Süd vor der Brust, alles Gegner auf Augenhöhe. „Sieben bis neun Punkte aus diesen drei Spielen wären wünschenswert und sind realistisch.“

Wenn man so möchte, steht das Team aus der Niederheide morgen um 12 Uhr schon an einer Wegegabelung: Lenkt es sich in ruhiges Fahrwasser oder in Richtung stürmische See und Abstiegsstrudel? Rießler: „Wenn wir vor der Bude ein bisschen zielstrebiger sind als vor der Winterpause, bin ich bester Dinge.“


Titelbild: SV Blau-Weiß Hohen Neuendorf

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von Anders Noren.

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