Viktoria gewinnt Spitzenspiel

Fritsch-Elf hat das Spielglück auf ihrer Seite und gewinnt bei Türkiyemspor mit 2:1

von Matthias Vogel

In einem packenden, emotional geladenen und fairen Spiel blieben die beiden Top-Teams der Regionalliga Nordost ein gutes Stück ihrer Klasse schuldig. Vor vergleichsweiser großer Kulisse im Katzbachstadion – 250 zahlende Zuschauer waren da – drehte die Viktoria mit Glück und Geschick die Partie. Der Lucky-Punch gelang Jule Reh kurz vor Schluss – ein – zum Entsetzen aller – sehr schmerzhafter Siegtreffer.

Es war die 83. Minute, in welcher der Fußball noch eben in seiner umfassenden Bibliothek stöberte und ein besonders knackiges Kapitel aus seinem Band „Schicksale“ aufschlug. Beim Stand von 1:1 klatscht ein von Türkiyemspor-Spielmacherin Erika Szuh getretener Freistoß an den Querbalken des Viki-Gehäuses. Aus dem Abpraller entwickelt sich ein Konter für die Himmelblauen, an dessen Ende Youngster Trinity Künzel die eingewechselte Jule Reh blank spielt. Reh steuert auf das Tor zu und schiebt die Kugel zum Siegtreffer in die Maschen. Der Jubel bleibt ihren Teammates im Halse stecken, denn Reh bleibt nach dem Zusammenprall mit der Kreuzberger Torhüterin Douha Mzoughi schreiend vor Schmerz im Strafraum liegen: Ellbogen ausgekugelt. Minutenlang ist die Partie unterbrochen, Reh wird – das Spiel ist mittlerweile rum – mit dem Rettungswagen abtransportiert.

Marlies Sänger markierte den Ausgleich für die Viktoria. Foto: Matthias Vogel

Ausgerechnet Reh, eine Spielerin, die in den vergangenen Jahren von ihren Trainern nicht gerade mit Spielzeit überhäuft wurde, konnte sich nicht über das vielleicht wichtigste Tor ihrer Karriere freuen. „Gibt’s doch nicht!“, möchte man ausrufen. Und auch Türkiyemspor dürfte mit dieser 83. Spielminute gehadert haben – Szuhs Freistoß wäre ein ebenso schicker Siegtreffer gewesen wie das Solo von Reh. So ist er aber nun einmal, der Fußball, und deshalb sackte die Elf aus Lichterfelde die drei Punkte ein und verdrängte Türkiyemspor in der Regio vom Platz an der Sonne.

Ohnehin wäre eine Punkteteilung wohl gerechter gewesen. Zwar brachte die Viktoria zum Gipfeltreffen die bessere Spielanlage mit auf den Platz, dazu kam Türkiyemspor gerade in der Anfangsphase nicht gut mit dem hohen Pressing des FC klar. Doch die resultierenden, sträflichen Ballverluste ließ die Viktoria eben unbestraft, weil den jungen Wilden Dilara Agac, Künzel und Katha Geßner an vorderster Front zum Teil das körperliche Durchsetzungsvermögen fehlte, zum Teil aber auch die letzte Überzeugung zu fehlen schien, überhaupt eine Bude machen zu können. Die beste Möglichkeit in dieser Phase hatte noch Agac, die Christin Janitzki den Ball im Strafraum stibitzte. Ihr halbhoher Schuss aus spitzem Winkel war allerdings kein Problem für Mzoughi.

Alexandra Almasalme (li.) treibt den Ball für Türkiyemspor nach vorne, Corinna Statz setzt nach. Foto: Matthias Vogel

Türkiyemspor brauchte zehn Minuten, um in die Partie zu finden – das geschah dann allerdings wuchtig. Ein langer Ball aus der eigenen Hälfte erreichte Josi Bonsu. Sie zog nach innen und sofort ab, ihr Geschoss senkte sich unhaltbar für die gegen die tief stehende Sonne blickende Inga Bucholz im Viki-Tor zur Führung ins Netz (10.). Dass ihre Kolleginnen sie nach einem Torerfolg gerne fast erdrücken, kennt die Kreuzberger Angreiferin mittlerweile schon: Saisontreffer Nummer 7. Auch in der Folge blieb das Team des Trainers Deniz Corr gefährlicher. Beleg aus der 25. Minute: Angelina Lübcke macht das Spiel nach einer Ecke für Viktoria schnell, ihr Zuspiel nimmt Bonsu an und mit, steckt den Ball dann durch für Maria Pia Zander Zeidam. Deren Flachschuss aus acht Metern kann Buchholz parieren, den Nachschuss setzt Senanur Yavuz rechts neben das Tor (25.). Erika Szuh prüfte später mit einem Freistoß noch einmal Buchholz, die nachfolgende Ecke von Aylin Yaren titscht auf die Latte des Viki-Gehäuses. Auf der anderen Seite hätten Viktorias Funktionäre gerne einen Handelfmeter gehabt – vergeblich. Und kurz vor der Pause murmelte Lübcke nach Steckpass die Kugel an Buchholz vorbei und vor der Rettungstat hinter die Torlinie? Wieder blieb die Pfeife der Schiedsrichterin stumm, einige Zuschauer auf Höhe der Linie waren sich zur Pause sicher: „Der war drin!“

Nach dem Seitenwechsel hatten Agac und Bonsu jeweils einen Treffer für ihr Team auf dem Fuß – wieder nichts. Die Viktoria kam mit zunehmender Spieldauer besser ins Spiel. Für den Ausgleich brauchte es aber den Kraftakt von Kapitänin Marlies Sänger. Sie erlief den zweiten Ball nach einer Ecke und erwischte ihn noch knapp innerhalb des Strafraums, mit dem Rücken zum Tor, halblinke Position. Aus der Drehung packte sie ihn mit dem linken Fuß in die rechte untere Ecke – ein tolles Tor (73.) Den Rest der Begegnung brachte die 83. Minute.

Trainer Deniz Corr (Bildmitte) war am Ende unzufrieden mit seiner Türkiyemspor-Elf: „Wir haben nicht das gespielt, was wir besprochen haben!“ Foto: Matthias Vogel

Deniz Corr sprach nach dem Abpfiff von einem „absolut verdienten Sieg für Viktoria“, auch die guten Chancen seiner Mannschaft änderten nichts an diesem Urteil. „Wir haben überhaupt nicht das gespielt, was wir besprochen haben und was wir können. So kannst du dieses Spiel nicht gewinnen.“ Murat Dogan, Konstrukteur des seit Jahren auf dem Vormarsch befindlichen Frauenfußballs bei Türkiyemspor, fand: „Wir haben einzelne erfahrene Spielerinnen, trotzdem sind solche Spiele für uns als Mannschaft neu. Ja, das Spiel kann auch auf unsere Seite kippen, der Sieg für Viktoria ist aber auch nicht unverdient. Ich denke, wir werden an dieser Niederlage weiter wachsen, vielleicht war sie im Hinblick auf den Rest der Saison nicht einmal das Schlechteste für uns.“ Stephanie Gerken, einer der Köpfe der Viktoria auf dem Feld, sagte: „Ein ausgeglichenes und spannendes Spiel, bei dem sich unsere Erfahrung ausgezahlt hat. Es tut gut, wieder die Spitze in Berlin zu sein.“ Viki-Coach Johannes Fritsch sah die „deutlich bessere Spielanlage“ bei seiner Elf, auch wenn beide Teams hätten gewinnen können. „Ganz vorne hat uns dann der finale Pass gefehlt. Besonders gut hat mir unsere Mentalität und das Tor durch Jule Reh gefallen. Zum vierten von sieben Malen trifft in dieser Saison eine Wechselspielerin ins Schwarze. Das spricht für unsere Leistungsdichte. Insgesamt ein runder Tag für uns.“


Zur Statistik

PS: Der Ellbogen von Jule Reh ist wieder an seinem Platz gebracht worden. Ihr Arm wurde komplett eingegipst, gebrochen ist nichts. „Mir geht es schon besser. Ein bisschen Ruhe und dann geht es hoffentlich bald wieder los“, vermeldete sie aus dem Krankenhaus.

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von Anders Noren.

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