Der Neue

von Matthias Vogel

Steglitz hat gebebt. Keine Bange, es war nur der Stein, der Teammanagerin Saskia Steiger vom Herzen gefallen war, just als der neue Frauentrainer Johannes Fritsch sein Servus unter den Vertrag gesetzt hatte. Zwei Monate war der Regionalligist SFC Stern 1900 auf der Suche nach einem Nachfolger von Harald Planer, der siebeneinhalb Jahre das Training geleitet hat und aus beruflichen Gründen nach der Vorrunde zurücktrat. Jetzt ist es also soweit.

Steiger und Fritsch kannten sich von den Duellen in der Regionalliga Nordost. Der 27-Jährige trainierte vor der aktuellen Saison den Magdeburger FFC. „Wir hatten einen guten Draht zueinander und als es ihn beruflich nach Berlin verschlug, habe ich einfach gefragt, ob er sich vorstellen könnte, bei uns anzuheuern.“

Die Tinte ist trocken, die Unterschrift von Johannes Fritsch (li.) unter dem Trainer-Vertrag erleichtert nicht nur Vorstandsmitglied Paul Schramm. Foto: Sophia Skuratowicz

Eigentlich konnte sich das Fritsch weder theoretisch noch praktisch vorstellen. Seine letzten Stationen als Co-Trainer beim FSV Gütersloh in der 2. Bundesliga und eben bei Magdeburg waren Vollzeitjobs. „Hatte dort zwei Teams. Ich will nicht lügen, aber 70 Wochenstunden waren das schon immer“, sagt er. Das Engagement in der Hauptstadt beim Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV) – er ist Mitarbeiter im Frauen-, Mädchen- und Jugendfußball, der Organisation sowie der Öffentlichkeitsarbeit – nutzen, um sich wieder mehr auf sich selbst und seine Karriere zu konzentrieren. „Auch meine sozialen Kontakte und mein Fernstudium in Sportmanagement kamen zu kurz.“ Steiger musste also Überzeugungsarbeit leisten. Und von praktischer Warte aus war noch zu klären, ob er als Angestellter eines Fußball-Verbandes überhaupt das Amt des Trainers würde ausüben dürfen.

Das darf er. Und er hat sich entschlossen, den Sterne-Koch zu geben. Was den Ausschlag gab? „Mir kam das fast vor wie Schicksal. Der gute Kontakt, meine neue Wohnung um die Ecke vom Vereinsgelände. Auch das Harald überhaupt aufgehört hat. Insgesamt schon ein Zufall.“ Die Interims-Coaches Jacob Basche und Susan Heuser rutschen vorerst ins zweite Glied zurück, Basche wieder als Athletik-Trainer.

Lisa Weinberg (re.) geht vorerst Zweikämpfen mit Gegenspielerinnen wie Josephine Ahlswede von Union aus dem Weg, sie legt eine Baby-Pause ein. Foto: Matthias Vogel

Harald Planer hatte das Geschehen auf dem Sterner über all die Zeit herausragend moderiert. Viele Studentinnen oder voll berufstätige Spielerinnen hatte er am Start. Auslandsjahr hier, Spätschicht da. Nach dem Aufstieg des SFC vor drei Jahren erhöhte er das Trainingspensum – die Vorbereitung freilich ausgeklammert – nicht, zweimal Training pro Woche reichten ihm dennoch, um Woche für Woche eine schlagkräftige Truppe zu stellen – vielleicht das letzte halbe Jahr ausgenommen. Da klagte er schon häufiger über eine dünne Personaldecke und es klang nach der einen oder anderen Niederlage auch durch, dass ihm die Leistungsbereitschaft der Mannschaft nicht mehr ausreichte. Dazu passt nun, dass der Mannschaftsrat dem neuen Coach eröffnete, das Team habe „dem Harald“ zuletzt tatsächlich nicht sein bestes Gesicht gezeigt.

Aber wie weiter? Versuchen in Planers Fußstapfen zu steigen oder alles komplett auf links ziehen? „Weder noch, sagt Fritsch. Eher ein Mittelding. Profi-Bedingungen gehen hier natürlich nicht, aber es gab auch einige Abgänge und ich will schon die Qualität halten. Und dabei bin ich eben, wie ich eben bin.“

Nicole Schröder (li.), hier im Spiel gegen den Ex-Club ihres neuen Trainers Magdeburger FFC, bleibt dem SFC Stern 1900 erhalten. Foto: Matthias Vogel

Eines Tages wolle er natürlich sein Team schnell, technisch versiert und schön Fußball spielen sehen. „Das will doch jeder“, sagt er und lacht. Aber eine spezielle taktische Gangart zu nennen, dafür sei es noch zu früh. Aus den Fähigkeiten seiner Mannschaft gelte es, eine Spielidee zu entwickeln, mit der sich die Spielerinnen identifizieren können und an der sie Spaß haben. „Die Mühen sich nach ihrem beruflichen Tagwerk auf dem Platz noch ab, da ist das wichtig. Dabei dürfen sie aber ruhig ins Schwitzen kommen“, so Fritsch. Bislang – so sei nach einigen praktischen und theoretischen Online-Trainingseinheiten und einigen wenigen Corona-Einheiten auf dem Platz – haue das mit dem Spaß schon ganz gut hin.

Dass sich der neue Coach mit der Mentalität, die bei den Steglitzerinnen herrscht, anfreunden konnte, freut Saskia Steiger. Auch, dass er über ein amtliches Netzwerk verfügt. „Weil ja doch einige in der jüngeren Vergangenheit weggegangen sind oder Babypause einlegen, wären Neuzugänge nicht schlecht“, sagt die Teammanagerin. Und tatsächlich scheinen einige seiner früheren Spielerinnen schon die Fühler nach Steglitz ausgestreckt zu haben. „Ich war an ganz vielen Orten in Deutschland tätig. Wer von meinen ehemaligen Schützlingen nach Berlin zum Studieren kommt, fragt vielleicht an. Auch aus Magdeburg gibt es Interessentinnen. Aber wir prüfen in jedem Fall, ob der Aufwand zur jeweiligen Lebenssituation passt.“

Zwei Neuzugänge aus Babelsberg sind fix

Schon jetzt schickt sich Stern jedenfalls an, die Weggänge von Jaqueline Behrends und Tamara Schwabe (Wittenauer SC Concordia) sowie die Babypausen von Lisa Weinberg und Alina Cibusch zu kompensieren. Vom Tabellenzweiten der Landesliga Brandenburg SV Babelsberg 03 kommen zur neuen Saison definitiv Anne-Kathrin Seifert und Sarah Patz. Seifert traf in der aktuellen Spielzeit bereits 14 Mal ins Schwarze, Patz kam in der Innenverteidigung zum Einsatz. „Und mit welchen von Viktoria sind wir auch noch im Gespräch“, so Fritsch.

Auch Alina Cibusch (li.) fehlt dem neuen Trainer Johannes Fritsch – auch sie erwartet Nachwuchs. Foto: Matthias Vogel

An eine Fortsetzung der Saison glaubt der neue Mann an der Seitenlinie nicht. „Ich hoffe, der Pokal wird noch ausgespielt. Dort hat es Harald mit den Mädels ja ins Halbfinale geschafft. Das motiviert uns schon.“ Bis dahin wird gearbeitet: Kennenlernen, Stärken sehen und fördern und vor allem: Eine Spielidee entwickeln, die Spaß macht.

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