Am Thron gerüttelt

von Matthias Vogel

Kreuzberg. Der 2:0-Sieg von Türkiyemspor gegen Blau Weiß 90 Berlin war eine ungewohnt schwere Geburt. Die Fußballerinnen aus Mariendorf hielten sehr gut mit und drängten ab Mitte der zweiten Halbzeit einer hart umkämpften Berlin-Liga-Partie auf den Anschlusstreffer. „Da hat uns dann so der letzte Wille gefehlt“, sagte die enttäuschte Spielmacherin der Gäste, Jana Teodoridis nach dem Abpfiff.

Murat Dogan war zu dem Zeitpunkt ebenfalls merklich angefressen. Zum Teil wegen einer Grippe, die ihn schon länger begleitet, zum Teil wegen des im zweiten Abschnitts wenig berauschenden Leistung seiner Elf. Vor allem aber, weil Blau Weiß seiner Ansicht nach nach dem Seitenwechsel zu hart zur Sache gegangen war. Das war nicht von der Hand zu weisen, Aylin Yaren und Sanna El-Agha wurden jeweils an der Mittellinie gelbwürdig attackiert, Yaren konnte danach das Spiel nicht fortsetzen. „Ich weiß ja, wie Blau Weiß spielt und für mich ist ein gewisses Maß an Härte vollkommen okay. Aber das war nicht in Ordnung. Ich hoffe, dass mir die beiden nicht länger ausfallen“, grummelte Dogan.

Turm in der Schlacht: Wenn Lena Schrum (li.) in den Strafräumen auftaucht, steht der Kopfballsieger fest. Foto: Matthias Vogel

Den Auftakt zu einer ruppigeren Gangart hatte allerdings einer seiner Schützlinge gemacht. Sandy Düwel war aus der Tiefe auf die Reise geschickt worden und Safiye Kok konnte sie nur durch ein Foul am Alleingang auf den Türkiyem-Kasten hindern. Das tat sie dann auch und zwar als letzte Frau, weshalb Schiedsrichter Bernd Peters gar keine Alternative zum roten Karton blieb (70.). In Überzahl konnten Teodoridis & Co. noch einmal den Druck erhöhen und hätten nach einer kurzen Eckball-Variante durch Julia Primann, die am zweiten Pfosten lauerte, per Kopf den Anschluss erzielen können – sie verfehlte ihr Ziel. Nur kurze Zeit später entschied sie sich nach einer deckungsgleichen Hereingabe, den Ball abzulegen. Margareta Lorenz kam herangerauscht, ihren Schuss aus zwölf Metern parierte Türkiyemspor-Keeperin Douha Mzoughi stark, den Abpraller bugsierte Erika Szuh versehentlich nur hauchdünn am eigenen Tor vorbei zur Ecke.

Zwei ohne Wahl: Safiye Kok musste die Notbremse, Schiedsrichter Bernd Peters dafür die Rote Karte ziehen. Foto: Matthias Vogel

Hätte Lorenz getroffen, hätte sie eine dieser typischen Fußball-Geschichten geschrieben. Denn ihr war in der ersten Hälfte der kapitale Bock unterlaufen, der das 2:0 der Kreuzbergerinnen stark begünstigte. Lena Cassel war über links abgezischt und hatte den Ball scharf nach innen in Richtung El-Agha gezogen. Lorenz stand zwar im Passweg, säbelte aber über die Kugel. Die Torjägerin hatte keine Mühe, das Zuspiel zu verwerten (21.). Wäre Lorenz also erfolgreich gewesen, hätte sie ihren Fehler ausgebügelt und Öl ins Aufholjagd-Feuer ihres Teams gegossen.

Die Führung für Türkiyemspor nur zwei Minuten vor dem 2:0 war hingegen nicht zu verteidigen. Eine Ecke von der linken Seite, getreten von Aylin Yaren, kam postwendend zu ihr zurück – Strafraumhöhe. Sofort drehte die Kapitänin das Spielgerät wieder in die Mitte und dort köpfte Lena Schrum ein. Nicht zu verteidigen deshalb, weil Schrum im Vergleich zu den restlichen 21 Spielerinnen auf dem Feld eher Leuchtturmgröße hat.

Der Doppelschlag versetzte die Mariendorferinnen in eine Art Schockstarre. Bis zu diesem Zeitpunkt ebenbürtig, mussten sie froh sein, bis zur Pause nicht noch zwei weitere Treffer kassiert zu haben. Die dickste Chance zu erhöhen, hatte erneut El-Agha. Eine Maßflanke auf ihr Haupt köpfte sie über das Tor. Darüber schüttelte sie nach Ende des ersten Spielabschnitts den Kopf und konstatierte, mit den Augen rollend: „Die einfachen Dinger liegen mir nicht!“

Constanze Hess (Nummer 27) setzt gegen Türkiyem-Neuzugang Dilara Akgümüs zum „Flying Klopfer“ an. Foto: Matthias Vogel

In der Sturm- und Drangphase hätte Blau Weiß gerne einen Elfmeter gehabt, Constanze Hess war in der Box unsanft von den Beinen geholt worden. Der Schiedsrichterpfiff blieb zum großen Unmut von 90-Coach Clemens Haack aus. Ein Elfmetertor hätte es – wie eben ein Treffer von Lorenz auch – das Duell noch einmal spannend gemacht. So blieb es beim 2:0. Ein Ergebnis, dass voll und ganz zum Spielverlauf passt. Das fand auch Teodoridis: „Klar sind wir enttäuscht. Aber wir brauchen gegen Türkiyemspor eben immer zu lange, um uns ranzutasten Ich denke, der Respekt ist bei einigen zu groß. Türkiyem hatte noch zwei weitere große Chancen in der ersten Hälfte. Wir können zufrieden sein, das war nicht schlecht heute.“

Türkiyemspor Berlin – Sp.Vg. Blau Weiß 1890 Berlin 2:0 (2:0). Türkiyemspor: Wagner, Schrum, Kok, Robinson, Ayad (46. Akgümüs), Szuh, Yaren (82. Badem), Krüger, Cassel (75. Toktas), El-Agha. Blau Weiß: „Stocki“, Schmidt (27. Reitzig), Düwel, Lorenz, Sickelko, Felsch, Enge, Primann, Wenk, Teodoridis, Hess. Tore: 1:0 Schrum (19.), 2:0 El-Agha (21.). Schiedsrichter: Bernd Peters. Assistenten: Dominik Berisha, Abdul Latif Buraimo. Zuschauer: 50.

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