Wehe, wenn sie losgelassen

von Matthias Vogel

Türkiyemspor scheint für den Endspurt im Meisterschaftsrennen der Berlin-Liga bestens gerüstet. Die Dogan-Elf kickte in der zweiten Hälfte des Topspiels wie entfesselt und überrollte die Gäste des SpVg Blau-Weiß 1890 Berlin im heimischen Katzbachstadion mit 8:0 (1:0).

Ein bisschen geschafft sah Murat Dogan zur Pause aus. Das konnte einfach nicht mit dem Auftritt seiner Mannschaft zusammenhängen. Zwar hatte sie einige hochkarätige Chancen liegengelassen, war aber eindeutig Chef im Ring, und immerhin hatte Erika Szuh ja wenigstens das 1:0 markiert, als sie an der Strafraumkante der Blau Weißen an den Ball kam und ihn überlegt halbhoch in die rechte Ecke schlenzte. „Nee, alles gut“, bestätigte der Türkiyemspor-Coach auf Nachfrage. „Wir spielen sehr gut bis jetzt. Ich war bloß in Havanna und der Jetlag hängt mir echt noch in den Knochen.“

Je länger die Partie andauerte, desto spielfreudiger wurde Aylin Yaren. Foto: Matthias Vogel

Erst am Freitag war er zurückgekommen, den 15:0-Kantersieg seiner Mädels am vergangenen Wochenende gegen nur neun Hohen Neuendorferinnen hatte er gar nicht mitbekommen. Und weil er zu Beginn seines Kuba-Trips sein Handy verloren hatte, prasselten gestern alle möglichen WhatsApp-Nachrichten auf ihn ein. Eine detaillierte taktische Marschroute oder eine ellenlange Einschätzung der Bedeutung dieser Partie war nicht aus Dogan herauszuholen, er musste sich nach dem langen Flug erstmal sortieren. Nur so viel sagte er: „Wir werden offensiv spielen, anders können wir ja auch gar nicht. Und wenn wir noch um den Aufstieg mitreden wollen, müssen wir gewinnen.“

Murat Dogan: „Defensiv stehen? Können wir gar nicht!“

Offensiv kann Türkiyemspor. Richtig gut sogar. Gleich nach der Pause konnte Szuh nur durch ein Foul im Strafraum von ihrem zweiten Treffer abgehalten werden, den fälligen Elfmeter verwandelte Aylin Yaren sicher (51.). Zwei weitere Zeilen aus Yarens „Buch der Spielfreude“, und die Messe war gelesen. Erst drehte die frühere Profispielerin einen Freistoß von der rechten Seite mit dem linken Fuß scharf vor die Gäste-Hütte, Hülya Kaya kam angesegelt und traf per Kopf zum 3:0 (54.), dann nutzte Yaren eine verunglückte Spieleröffnung von Torhüterin Annelie John zum Tor des Tages: Aus 30 Metern Entfernung hob sie den Ball über John hinweg zum 4:0 ins Netz (56.).

Gefahr drohte für Blau Weiß von überall. Meist aus dem Zentrum, aber auch über die Flügel. Karla Krüger bereitete zwei der acht Treffer von ihrem Arbeitsplatz aus vor.

Drei Gegentreffer innerhalb von fünf Minuten wollen erst einmal verdaut werden. Blau Weiß versuchte das mit dem Mute der Verzweiflung – und mit Constanze Hess. Einen Fernschuss aus 18 Metern setzte sie zu hoch an, zwei weitere gute Tormöglichkeiten bereitete die Spielführerin nach jeweils schicken Soli über die rechte Seite vor. Eine Ablage versemmelte Jana Teodoridis, eine drosch Elena Felsch in den Kreuzberger Nachmittagshimmel. Unterbrochen wurden die Bestrebungen der Marienfelderinnen nach dem Ehrentreffer durch den Torjubel der Gastgeberinnen. Yaren markierte noch ihre Saisontreffer 18 und 19 (70., 82.), zwei weitere Treffer steuerte Sanna El-Agha bei, die damit ihre überragende Leistung als zentrale Spitze garnierte (65., 80.).

Aylin Yaren (li.) und Jana Teodoridis in Erwartung eines Kopfball-Duells. Zwei für die Berlin-Liga herausragende Spielmacherinnen, dieses Mal ging der Punktsieg an die rote 25. Foto: Matthias Vogel

Unterm Strich war Blau-Weiß ohne das verletzte Stürmer-Duo Daniela Schmidt und Anna-Sophia Fechner kaum in der Lage, die Abwehr von Türkiyemspor unter Druck zu setzen. Deshalb fehlte es an Entlastung. Kaya, Yaren, Szuh, El-Agha, Krüger – mit jedem Tor wuchs die Lust der Kreuzbergerinnen auf Fußball. Hier gab es einen Doppelpass mit der Hacke, dort eine Kopfball-Stafette oder einen No-Look-Pass zu bestaunen. Mit dem Sieg schiebt sich Türkiyemspor bis auf einen Punkt an Blau Weiß heran. Blau Weiß-Coach Clemens Haack kommentierte die deftige Packung so: „Acht Tore sind zugegebener Maßen ein bisschen hart. Aber davon lassen wir uns jetzt auch nicht aus der Ruhe bringen. Wir haben zu Beginn der Rückrunde gesagt, wir wollen unsere Spiele gewinnen und gucken, was am Ende dabei herum kommt. Das hat jetzt innerhalb von acht Spieltagen einmal nicht geklappt, gegen einen wirklich starken Gegner.“ Und Dogan? Wird sich heute Abend zur Feier des Tages eine kubanische Zigarre anzünden, so sagte er. Nicht nur wegen der drei Punkte. „Sondern weil wir heute gezeigt haben, zu was wir eigentlich in der Lage sind.“


Türkiyemspor – SpVg Blau Weiß 1890 Berlin 8:0 (1:0). Türkiyemspor: Mzoughi – Oppie, Kaplan, Kok (78. Abel), Solmaz – Krüger, Szuh, Yaren, Eren (72. Badem) – Kaya – El-Agha. Blau Weiß: John (66. Tißler) – Lorenz, Reitzig (70. Baier), Wenk, Wuertz – Enge, Primann, Teodoridis, Felsch – Schumann, Hess. Tore: 1:0 Szuh (34.), 2:0, 4:0, 6:0, 8:0 Yaren (51., 56., 70., 82.), 3:0 Kaya (54.), 5:0, 7:0 El-Agha (65., 80.). Schiedsrichter: Furkan Kilic. Zuschauer: 30 – mit ein bisschen Fantasie.

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