Advantage Union!

von Matthias Vogel

Lichterfelde. Eine herbe Abfuhr bekam der Spitzenreiter der Regionalliga Nordost, FC Viktoria 1889, vom Tabellenzweiten 1. FC Union Berlin am Sonntag verpasst. Mit 0:4 ging die Rießler-Elf im heimischen Stadion baden. Damit tauschten die beiden Rivalen die Rollen, ab sofort sind die Eisernen die Gejagten.

Viktorias Coach Roman Rießler zuckte bei seiner Spielanalyse kurz nach dem Abpfiff nicht nur einmal ratlos mit den Achseln. „Wenn dir im letzten Drittel die Ideen fehlen, dann musst du dich nicht wundern, wenn du als Verlierer den Platz verlässt“, sagte er. Nur einer von mehreren Gründen, warum seine Elf derart unter die Räder gekommen war. Einen zweiten schob er sofort nach: „Das was uns in der Hinrunde so stark gemacht hat, die Mentalität, die Geschlossenheit, der unbedingte Siegeswille, all das hat uns heute gefehlt.“

Kaum auszuschalten ist die pfeilschnelle Unioner Offensivspielerin Josephine Bonsu (am Ball). Auch gegen den Tabellenführer war sie ständiger Unruheherd. Foto: Judith Diecke

In den ersten zehn Minuten hatten die Viki-Girls noch das Heft fest in der Hand. Zu diesem Zeitpunkt hätte wohl niemand auf der erfreulich gut besuchten Tribüne des Stadions Lichterfelde mit einem solchen Ausgang der Partie gerechnet. Unions Trainer Falko Grothe auch nicht: „Da hatten wir Probleme.“ Allerdings blieben selbst in dieser starken Phase Torchancen für die Himmelblauen aus. In der Folge behielt die Viktoria optisches Übergewicht, gefährlicher wirkten da allerdings schon die Unioner Konteransätze. Einer wurde prima zu Ende gespielt, die flinke Josephine Bonsu knallte das Spielgerät knapp links neben das Tor. Kurz vor der Pause nahm das Unglück für den Klassenprimus dann seinen Lauf. Charleen Niesler beförderte einen Freistoß in Höhe Mittellinie in den Lichterfelder Strafraum. Dort sprang Lisa Fröhlich nach einem Gewühl der Ball vor die Füße. Kurze Ballkontrolle und Schuss aus vier Metern: 0:1, Viktorias Schlussfrau Inga Buchholz hatte aus dieser Distanz keine Abwehrchance (43.). Sauer war der Viktoria-Anhang, weil er den Freistoß für unberechtigt hielt. Nicht ganz zu unrecht, Anja Kähler hatte bei ihrer Grätsche klar den Ball gespielt. Rießler war eher sauer, weil nach dem Tumult im Strafraum urplötzlich „gefühlte fünf Unionerinnen“ frei vor Buchholz standen.

Viktorias Abwehr war viel zu zaghaft

„Konter und Standards haben uns heute den Erfolg gebracht“, stellte Grothe nach der Partie fest. So war es. Nur zwei Minuten nach dem Seitenwechsel wurde Marta Stodulska auf der linken Seite auf die Reise geschickt. Louise Trapp stellte sie zwar noch rechtzeitig, ihren Linksschuss konnte sie dennoch nicht blocken. Der Ball schlug flach in der langen Ecke ein, Union jubelte ausgelassen. Stodulska war es auch, die den dritten Treffer einleitete. Wieder über links, wieder im Zuge eines Tempogegenstoßes. Diesmal setzte sie sich gegen gleich drei herbeigeeilte Blauhemden durch und brachte den Ball nach innen. Viktoria war schon zweimal am Ball, ehe er Greta Budde in zentraler Position vor die Flinte lief. Ihr Halbvolley verfing sich rechts hinter Buchholz halbhoch im Netz (75.). Die Demütigung war perfekt, als Josephine Ahlswede einen Handelfmeter sicher zum 0:4 verwandelte (80.), erneut unter lautstarkem Protest der Viktoria-Fans. „Die Schiedsrichterin hat in der ersten Hälfte ein ähnliches Handspiel von Union nicht geahndet“, erklärte Rießler, ob des bereits tief in den Brunnen gefallen Kindes ohne großartige Gefühlsregung.

Kein hochklassiges, aber ein spannendes Topspiel mit vielen packenden Zweikämpfen bekamen die Zuschauer serviert. Hier grätscht Unions Greta Budde Beslinda Shigjeqi den Ball vom Fuß. Foto: Judith Diecke

Wenn die Partie nach Ansicht von Rießler überhaupt hätte kippen können, dann in der Phase um die 60. Minute herum. Erst traf Corinna Statz mit einer verunglückten Flanke die Latte (58.), dann verfehlte Marlies Sänger – Viktorias Beste an diesem Tag – mit einem Fallrückzieher das Ziel um drei Meter (63.). Weitere zwei Minuten später ließ Louise Trapp die dickste Viki-Chance aus. Sie fasste sich ein Herz, kombinierte sich mit zwei Doppelpässen durch die „eiserne“ Abwehr – am Ende spielte sie Kähler traumhaft blank – und scheiterte dann aber aus kürzester Distanz an Torhüterin Monique Eichhorn. „Das wäre das 1:2 gewesen, vielleicht wäre im Anschluss noch etwas gegangen“, so Rießler.

Hoch verdienter Sieg, bestenfalls ein wenig zu hoch ausgefallen

Das Ergebnis nur an dem an diesem Tag nicht ausgereiften Spiel der Gastgeberinnen festzumachen, wäre ungerecht. Union konterte nicht nur schnell und gut, sondern verteidigte auch sehr clever, allen voran die bärenstarke Abwehr-Chefin Nathalie Götz. Der Sieg war hoch verdient und Grothe folgerichtig genauso hoch zufrieden. „Wir haben in den vergangenen zwei Wochen verstärkt Konter trainiert. Es ist schön zu sehen, wenn so etwas im Spiel dann auch greift.“

Lisa Fröhlich markiert das 0:1, Torhüterin Inga Buchholz und Kapitänin Marlies Sänger kommen zu spät für die Viktoria. Foto: Judith Diecke

Wäre die Meisterschaft der Regionalliga-Nordost ein Tennis-Finale, dann hätte Union nun im entscheidenden letzten Satz gerade seinen Aufschlag zum 6:5 durchgebracht. Jetzt muss Viktoria wenigstens seinen Service durchbringen um sich in den Tiebreak zu retten. Hausaufgaben machen – also die restlichen Spiele gewinnen – und auf einen Ausrutscher des Rivalen hoffen, gab Rießler seinen bedröppelten Spielerinnen mit auf den Nachhauseweg. Das wird schwierig genug, dazu returnieren die Köpenickerinnen in der Rückrunde fast zu gut. „Advantage Union!“


FC Viktoria 1889 Berlin – 1. FC Union Berlin 0:4 (0:1). Viki-Girls: Buchholz, König (72. Barsalona), Purps, Sänger, Trapp, Statz, Jakubowski, Fandre, Schulte (62. Reh), Shigjeqi, Kähler. Eiserne Ladies: Eichhorn, Stodulska, Weidt (78. Zander Zeidam), Bonsu, Ahlswede (87. Schindler), Fröhlich (83. Gierth), Niesler, Schrey, Götz, Radloff, Budde. Tore: 0:1 Fröhlich (43.), 0:2 Stodulska (47.), 0:3 Budde (75.), 0:4 Ahlswede (80.). Schiedsrichterin: Jennifer Schubert. Zuschauer: 200. Tolle Fotos: Judith Diecke

Titelbild: Judith Diecke

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